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[92] – Wie sinnvoll ist es jetzt Dein Praxisverwaltungssystem zu wechseln?

Wie sinnvoll ist es jetzt Dein Praxisverwaltungssystem zu wechseln?

Lesezeit ca. 5,5 Min.

Es gibt eine hohe Unzufriedenheit bei Praxisinhabern mit der vorhandenen Praxisverwaltungssoftware und somit auch eine signifikante Wechselbereitschaft. Von daher wird es niemanden verwundern, dass wir sehr häufig gefragt werden, wie sinnvoll ein PVS-Wechsel ist und welches System wir empfehlen.

Das sind zwei ganz bedeutende Fragen, die nur leider nicht so ganz einfach zu beantworten sind.

Und zusätzlich steht der PVS-Markt gerade vor zwei ganz gravierenden Änderungen: Der Weg der Software geht in die Cloud, was alles andere als komplikationslos ist, und es kommt ein völlig neuer Player hinzu.

Somit ist es gerade jetzt die Frage gestattet, wie sinnvoll es aktuell ist, das Praxisverwaltungssystem zu wechseln.

Der heutige Blogartikel gibt Dir dazu Hintergrundinformationen, die Du unbedingt kennen solltest, wenn Du über einen Wechsel nachdenkst. Also bleib‘ unbedingt dran, wenn Dich das interessiert.

Doctolib als neuer Gigant im PVS-Markt

Fangen wir mit dem neuen Giganten an: Doctolib, der absolute Marktführer im Bereich der Online-Temin-Verwaltung, rollt gerade sein neues PVS aus.

Da klingt erst mal alles beeindruckend:
In Deutschland nutzen bereits 25 Millionen registrierte Patienten die Online-Temin-Verwaltung von Doctolib.
110.000 Ärzte und Therapeuten, 400 Kliniken und 80 Millionen Patientendaten sind in der Datenbank.

Wenn Größe Qualität wäre, müsste Doctolib eigentlich der Mercedes unter den Softwarelösungen sein.

Ist es aber nicht!

Datenschutzprobleme und fragwürdige Zertifikate bei Doctolib

Denn sobald man hinter die glänzende Marketingfassade schaut, wird’s… sagen wir mal interessant.

Doctolib hat in den letzten Jahren nämlich gleich mehrere Datenschutzpreise gewonnen – allerdings nicht die, die man stolz auf die Website schreibt.

Es sind eher so… Negativpreise. Preise, die man bekommt, wenn Datenschützer sagen: „Also Jungs, so bitte nicht.“

Mehrere unabhängige Gutachten werfen Doctolib seit Jahren dieselben Probleme vor: fragwürdige Datenverarbeitung, unklare Verantwortlichkeiten, zweifelhafte Zertifikate und ein Umgang mit Kritik, der recht speziell ist.

So kritisiert die Berliner Datenschutzbehörde das Unternehmen seit 2019 regelmäßig und ziemlich deutlich.

Und Doctolib?

Hat vieles davon offenbar eher zur Kenntnis genommen wie ein Pubertierender, der sein Zimmer aufräumen soll: Man hört’s… aber man macht‘s nicht.

Heikler Punkt: Auftragsverarbeiter oder eigenverantwortlicher Dienstleister?

Besonders heikel: Mehrere Gutachten kommen zu dem Schluss, dass Doctolib nicht als Auftragsverarbeiter arbeitet – wie es eigentlich sein müsste – sondern als eigenverantwortlicher Dienstleister.

Das ist juristisch kein kleiner Unterschied.

Das ist §203 StGB. Patientengeheimnis. Strafbarkeit. Für den Anbieter – und theoretisch auch für die Anwender.

Dazu kommt: Viele der stolz präsentierten Zertifikate halten einer genaueren Prüfung schlicht nicht stand.

ISO-Zertifizierung? Ja.
Aber nicht vom BSI, wie viele denken – sondern von einer britischen Institution, ohne belastbare Nachweise.

C5-Testat? Ja.
Aber selbstzertifiziert. Und mutmaßlich ungültig, weil es gar nicht für eigenverantwortliche Datenverarbeitung gilt.

Marketing stark – aber ist es sicher genug für Patientendaten?

Kurz gesagt: Doctolib hat ein exzellentes Marketing. Aber ob es die sicherste Lösung für hochsensible Patientendaten ist?

Diese Frage darf man nicht nur stellen, man sollte es.

Und das bringt uns zu der entscheidenden Überlegung: Wenn ein Unternehmen beim sensibelsten Gut der ärztlichen Tätigkeit, den Patientendaten,  so viele Fragezeichen offenlässt, ist dann wirklich der richtige Zeitpunkt, genau diesem Anbieter auch das komplette Praxisverwaltungssystem anzuvertrauen?

Warum neue Software grundsätzlich immer problematisch startet

Und noch etwas ganz anderes muss angesprochen werden, was ganz grundsätzlich jedes neue Softwareprodukt betrifft:
Ich persönlich kenne, völlig unabhängig vom Hersteller, keine einzige neue Software, die nicht erstmal den neuen Besitzer mit endlosen Bugs zum Wahnsinn treibt.

Eigentlich hat es sich immer als äußerst sinnvoll erwiesen, erst mal 2-3 Jahre in’s Land gehen zu lassen, bevor man sich an eine Neuentwicklung wagt.

Zollsoft und Tomedo Air: Vorbildlicher Umgang mit Neuentwicklungen

Wie man seriös mit diesem allseits bekannten Problem umgehen kann, zeigt ein anderer Softwarehersteller, die Firma Zollsoft mit Ihrem PVS Tomedo.

Auch Zollsoft ist klar, dass die Zukunft in der Cloud liegt und hat deshalb unter dem Namen „Tomedo Air“ eine abgespeckte cloudbasierte Version Ihrer Erfolgssoftware entwickelt.
Die hat sie zwar stolz auf den Messen präsentiert, aber aus gutem Grund nur einigen wenigen Praxen zur Verfügung gestellt, denen bewusst war, dass sie als Testkaninchen agieren.

Auf Befragen teilte man uns auf der MEDICA mit, dass wohl nicht vor 2027 mit dem endgültigen Rollout zu rechnen ist.

Neuentwicklungen auf diese Art auf den Markt zu bringen, halte ich für vorbildlich:
Da wird nicht der Praxisinhaber unwissentlich zum Beta-Tester gemacht, sondern erhält eine im realen Praxisbetrieb durchgecheckte Software, von der er mit Recht annehmen kann, dass die vernünftig und ohne nennenswerte Bugs funktioniert.

Tomedo: Spitzenzufriedenheit, aber überlastete Strukturen

Wo Licht ist, ist leider auch immer Schatten:
Ich vermute, dass von der Praxis-Verwaltungs-Software Tomedo jeder schon mal gehört hat. Meist im Zusammenhang mit der hohen Nutzer-Zufriedenheit, denn in einer bundesweiten ZI-Umfrage zu Praxisverwaltungssystemen von Ende 2024 belegte Tomedo mit 95,2% den ersten Platz.

Eine solch außergewöhnliche Kundenzufriedenheit bleibt natürlich nicht ungesehen und führte im laufenden Jahr zu einem förmlichen Run auf Tomedo:

Der Vertriebsleiter erwartet für dieses Jahr etwa 1.600 Neuinstallationen.
Wenn man jetzt noch weiß, dass das Unternehmen in den letzten 10 Jahren etwa 3.300 Kunden zusammengesammelt hat, dann ist jedem klar, dass es schlicht unmöglich ist, einen derartigen Zuwachs ohne Kollateralschäden zu überstehen.

In diversen uns bekannten Fällen lief die Migration alles andere als vorbildlich, die Servicehotline ist trotz allem personellen Ausbau deutlich überlastet und die so gern von Zollsoft hervorgehobenen individuellen Anpassungen dauern ewig und sind im Ergebnis nicht auf dem Niveau, wie man es erwarten sollte.

Somit ist auch hier derzeit wohl nicht der ideale Moment einzusteigen.

Weitere PVS-Anbieter: solide Programme, aber geringe Marktstärke

Aber was ist mit all den anderen Anbietern?

Da sind sicher noch manche, die man guten Gewissens in die Überlegung mit einbeziehen kann. T2med zum Beispiel. Aber auch die haben Ihre liebe Not mit der Servicezufriedenheit Ihrer Kunden. Die sind mehrheitlich „not amused“.

Aber auch unbekanntere Programme wie Pegamed, Duria oder Praxis-Programm erreichen bei ihren Kunden mit der Software eine hohe Zufriedenheit.

Die Herausforderung kleiner Anbieter in einem sich wandelnden Markt

Nur, was nützt Dir ein noch so tolles Programm, das eine so geringe Verbreitung hat, dass man sich fragen muss, wie lange es das wohl noch geben wird. Wenn ich heute gerade mal 700 oder 1.000 Installationen meiner Software im Markt habe, wie will ich die Herausforderungen der Zukunft damit bewältigen?

Wir reden in der ambulanten Medizin so oft vom Fachkräftemangel und den überproportional steigenden Gehältern, aber der „War for talents“ bei Programmieren ist ganz sicher nicht weniger hart als in der Medizin. Und um da zu bestehen braucht man Geld.

Der vorhin bereits angesprochene Weg in die Cloud stellt für alle Softwarehersteller eine weitere große wirtschaftliche Herausforderung dar. Viele der kleinen Hersteller werden daran scheitern.

Bevor Sie wechseln: Wie gut nutzen Sie Ihr aktuelles System wirklich?

Was uns in der ganzen Diskusssion um einen Wechsel der Praxis-Verwaltungs-Software auffällt, ist, dass die meisten Praxen ihre jetzige Software maximal zu 50% nutzen. Die ganze Wechsel-Diskussion kommt mir oft wie das berühmte Phänomen vor, dass Nachbars Weiden immer viel grüner sind als die eigenen.

Ganz ehrlich: Wann hast Du zuletzt mit dem Hersteller Deiner Software eine Schulung für das Team in Deiner Praxis durchgeführt?

Sowas wirkt wahre Wunder und plötzlich entdecken Deine Damen Möglichkeiten, die vorher niemand auch nur erahnt hatte.

Ein PVS-Wechsel kann sinnvoll sein – aber vielleicht nicht jetzt

Bitte nicht falsch verstehen:
Ein PVS-Wechsel ist oftmals wirklich sinnvoll, nur ob jetzt gerade der richtige Zeitpunkt ist, das wage ich zu bezweifeln.

Warum sich ein unabhängiger Experte lohnt

Wenn Du Dir unsicher bist, was richtig ist zu tun, hätte ich einen Vorschlag:

Statt den Versprechungen der Verkäufer zu erliegen und nach kurzer Zeit festzustellen, dass Du einen fünfstelligen Betrag falsch investiert hast, macht es sicher Sinn, die eigene Situation mit einem unabhängigen Experten zu besprechen.

Unser Digitalisierungsspezialist Alex Graf kennt nicht nur den Markt der aktuellen Angebote, sondern auch die Tricks und Kniffe, wie man die bestehende Software vielleicht doch noch zum Fliegen bringen kann.
Und das ist dann ein Invest von netto 250 € pro Stunde, statt mit 20 oder 30.000 € auf’s falsche Pferd zu setzen.

Wenn Dich das interessiert, Du Fragen zu einzelnen Punkten des Blogs hast oder Dir Unterstützung bei der Umsetzung anderer Themen wünschst, dann melde dich! Wir können dann einen Termin für ein unverbindliches und selbstverständlich kostenloses Erstgespräch ausmachen und dabei besprechen, wie wir Dich am besten unterstützen können.

Wenn dir der Blog gefallen hat, folge uns auch gerne auf Social Media für noch mehr Tipps und Impulse, um Deine Praxis zur Effizienzpraxis zu wandeln.