[93] – Zu viele Patienten, zu wenig Zeit: Wie du als Hausarzt den Mittelweg findest
Zu viele Patienten, zu wenig Zeit: Wie du als Hausarzt den Mittelweg findest
Lesezeit ca. 5 Min.
Heute haben wir eine ganz besondere Folge, denn diesmal beantworte ich den Brief eines Podcasthörers und ich muss sagen: Das ist wirklich einer der ehrlichsten, reflektiertesten Briefe, den ich in letzter Zeit bekommen habe und gleichzeitig einer der schwierigsten Fragenkomplexe.
Ich lese ihn einmal komplett vor, denn ich glaube, viele von euch werden sich darin wiederfinden.
„Du gehst in Deinen Podcasts vor allem auf die Ärzte ein, die sich intensiv um Neupatienten bemühen müssen und wie man sich die Wunschpatienten in die Praxis holt. Das ist wichtig und gut so, aber ich kann mich nur zu einem Teil darin finden.
Das ist bei Fachärzten vielleicht anders oder bei Hausärzten in gut versorgten Gebieten.
Aber es wäre interessant und eine Hilfe, wenn Du auf die Situation der Hausärzte eingehst, die genau in der gegenteiligen Position sind: Täglicher Anruf von Patienten, die keinen Hausarzt haben oder die wechseln möchten. Nicht komplett zumachen, aber auch nicht sich und das Team überfordern.
Wie geht ein Arzt und das Team damit um?
Muss ich das Hamsterrad mitmachen und möglichst viele Patienten in kurzer Zeit behandeln oder kann ich mir auch kleine Freiheiten im Alltag errichten, mit meinen Wunschpatienten?
Wie etabliere ich die IGeL Leistung bei wenig Zeit?
Die Politik und die Kassen wollen immer mehr Durchsatz zu weniger Geld in kürzerer Zeit bei steigendem Anspruch der Patienten. Wir haben den ethischen Druck dazu, uns um möglichst viele unversorgte Patienten zu kümmern. Und am Ende muss sich das Ganze wirtschaftlich rechnen.
Wie ist das beste bzw. richtige Mindset für einen selbstständigen Arzt in dieser Situation, hier den Mittelweg zu finden?“
Soweit der Brief unseres Hörers.
Das Grundproblem der Überlastung in Hausarztpraxen
Dieser Brief steht exemplarisch für ein Problem, das eigentlich jeder Hausarzt kennt, auch wenn kaum jemand offen darüber spricht:
Wie bleibe ich ein guter Arzt,
• ohne dabei selbst kaputtzugehen,
• mein Team zu verheizen,
• und am Ende wirtschaftlich unter die Räder zu geraten?
Genau darüber geht es in diesem Blog. Wenn Dich das interessiert, dann solltest Du jetzt unbedingt weiterlesen.
Der moralische Rucksack vieler Hausärzte
Viele Hausärzte tragen einen moralischen Rucksack mit sich herum, der so groß ist wie ein ausgewachsener Wanderrucksack für den Jakobsweg.
Darin finden sich dann Sätze wie:
- „Ich muss doch helfen.“
- „Wenn wir den nicht aufnehmen, wohin soll der dann?“
- „Ich kann die Leute doch nicht wegschicken.“
Das Ergebnis: Volle Wartezimmer, frustriertes Team, Arzt kurz vor dem Burnout.
Das Problem ist: Die Politik hat ein Versorgungsproblem und versucht, euch Hausärzten die Lösung umzuhängen. Ohne Ressourcen. Ohne Zeit. Ohne Geld.
Und das geht nicht.
Du kannst nicht die Versorgungslücke eines ganzen Gesundheitssystems schließen.
Du bist auch nicht der Reparaturbetrieb für politische Fehlsteuerungen.
Und schon gar nicht bist Du verpflichtet, Dein Team zu verbrennen, nur damit die Statistik schöner aussieht.
Das ist nicht unsolidarisch.
Das ist professionelle Selbstfürsorge.
Denn ein ausgelaugter, erschöpfter Arzt ist am Ende des Tages kein guter Arzt.
Wie du Grenzen setzt, ohne unsozial zu wirken
Viele Ärzte haben Angst davor, Patienten abzulehnen. Sie denken, sie müssten sich rechtfertigen, erklären, entschuldigen. Doch Grenzen setzen heißt nicht, unfreundlich zu sein. Es heißt, ehrlich zu sein.
Zum Beispiel:
„Wir haben aktuell unsere medizinisch verantwortbare Kapazitätsgrenze erreicht. Wir möchten Ihnen gerne helfen, aber eine gute Betreuung wäre unter diesen Umständen nicht möglich.“
Dieser Satz wirkt:
• ehrlich
• wertschätzend
• professionell
Die Magie liegt in der Message: „Wir möchten helfen, können aber nicht unbegrenzt helfen.“
Das versteht jeder Patient.
Du darfst Grenzen haben. Du musst sogar Grenzen haben. Denn ohne Grenzen entsteht Chaos. Und Chaos ist immer unsozial.
Wichtig ist: Nicht Dein Team muss das täglich neu erklären, sondern ihr braucht klare Regeln und Leitfäden.
Zum Beispiel:
• Klare Aufnahmekriterien definieren (z. B. geografisch, Krankheitsbilder, Altersstruktur, Versorgungsrealität): Wen nehmen wir auf? Wen nicht?
• Außenkommunikation: Wie kommunizieren wir das freundlich?
• Wochenkontingente: Wie viele Neupatienten verträgt die Praxis realistisch?
Eine klare Struktur entlastet alle.
Wunschpatienten in der Hausarztpraxis – geht das überhaupt?
Wie steht es aber um die nächste Frage unseres Hörers?
„Muss ich das Hamsterrad mitmachen, oder gibt es auch für Hausärzte Wunschpatienten?“
Die Antwort lautet:
Ja! Aber Wunschpatient heißt im hausärztlichen Setting etwas anderes.
Hausärztliche Wunschpatienten sind nicht in erster Linie die, die „schön privat“ sind oder viele Selbstzahlerleistungen buchen, sondern:
• Patienten, die die eigene Praxisstrategie unterstützen,
• Patienten, die zur Struktur passen,
• Patienten, deren Betreuung wirtschaftlich und medizinisch planbar ist,
• Patienten, die sich an Regeln halten.
Du musst nicht „nein“ zu Menschen sagen, aber Du darfst „nein“ sagen zu Strukturen, die dich überrollen.
Im hausärztlichen Bereich geht es also weniger um „Wunschpatienten anziehen“,
als darum
• die eigene Zielgruppe definieren
• die Praxisstruktur an diese Zielgruppe anpassen
• und konsequent vermeiden, die falschen Patienten aufzunehmen
Beispiele gefällig?
• Chronikerpraxis vs. Akutsprechstundenpraxis
• Gesundheitsorientierte Patienten vs. „Rezept & AU“-Tourismus
• geriatrische Versorgung vs. leistungsgetriebene „Schnell-und-heute“-Patienten
Wenn du nicht definierst, entscheidet der Zufall für Dich.
Und damit landest Du irgendwann zwangsläufig im Hamsterrad.
IGeL-Leistungen trotz Zeitmangel etablieren
Weiter geht es im Brief unseres Hörers mit der Frage:
„Wie etabliere ich die IGeL Leistung bei wenig Zeit?“
Der Schlüssel: Prozesse statt Mehrarbeit
Viele Hausärzte glauben, Selbstzahlerleistungen kosten extra Zeit.
Das stimmt nur, wenn der Prozess schlecht aufgebaut ist.
Selbstzahlerleistungen funktionieren nicht, wenn der Arzt irgendwo zwischen Tür und Angel „Ach übrigens…“ flüstert.
Selbstzahlerleistungen funktionieren nur dann:
• wenn Du klare Prozesse dafür hast,
• wenn Du ein Konzept zur Vorqualifizierung hast,
• und wenn Du Selbstzahlerleistungen nicht als „Extra“, sondern als Bestandteil der Kernleistung verstehst.
Das richtige Mindset für selbstständige Hausärzte
Womit wir zur Kernfrage unseres Hörers kommen: „Welches Mindset brauche ich als selbstständiger Arzt, um den Mittelweg zu finden?“
Die Antwort darauf dürfte wohl gleichzeitig auch der wichtigste Satz dieser ganzen Podcastfolge sein:
Du bist nicht verantwortlich für die Lösung der Versorgungskrise.
Du bist verantwortlich für eine stabile, sichere und wirtschaftlich gesunde Praxis.
Das ist die Grundlage – nicht die Ausnahme.
Ein Mindset, das dich schützt und deine Praxis stärkt
Dein Mindset sollte lauten:
• Ich darf Grenzen setzen.
• Ich darf entscheiden, wen ich betreue.
• Ich muss nicht mehr Patienten behandeln, als mein System verträgt.
• Ich darf eine Praxis führen, die wirtschaftlich funktioniert.
• Ich darf mich selbst schützen.
• Ich darf (und muss) mein Team schützen.
Fazit
Ein überlasteter Arzt ist kein solidarischer Arzt. Ein überlasteter Arzt ist ein Risikofaktor.
Wahre Ethik sieht nicht so aus, dass Du Dich selbst opferst, sondern dass Du dauerhaft gute Medizin leisten kannst.
Hoffentlich hat dieser Blog Dir geholfen, die Situation neu einzuordnen.
Vor allem dann, wenn Du selbst einer der vielen Hausärzte bist, die täglich zwischen Ethik, Überforderung und Wirtschaftlichkeit navigieren müssen.
Wenn Du Lust hast, das Thema tiefer anzugehen,
wenn Du Strukturen brauchst,
wenn Du Prozesse aufbauen willst,
oder wenn Du Deine Praxis auf stabile Füße stellen möchtest – dann lade ich Dich ein:
Schau dir unser Mentoringprogramm an.
Dort entwickeln wir genau diese Systeme gemeinsam – Schritt für Schritt, individuell, praxiserprobt.
Wenn Dich das interessiert, Du Fragen zu einzelnen Punkten des Blogs hast oder Dir Unterstützung bei der Umsetzung anderer Themen wünschst, dann melde dich! Wir können dann einen Termin für ein unverbindliches und selbstverständlich kostenloses Erstgespräch ausmachen und dabei besprechen, wie wir Dich am besten unterstützen können.
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