[82] – Vom OP in die eigene Praxis – Ist der direkte Weg in die Selbstständigkeit wirklich schlau?
Vom OP in die eigene Praxis - Ist der direkte Weg in die Selbstständigkeit wirklich schlau?
Lesezeit ca. 6 Min.
Die Vorstellung ist erstmal charmant:
- Nie wieder Nachtdienst,
- kein Stationsstress,
- keine Chefvisite um 6:30 Uhr,
- keine OP-Listen, die erst aufhören, wenn die Beine schlappmachen.
Statt dessen: Eigene Praxis, eigene Regeln, eigene Vision.
Klingt wie Urlaub mit der Lizenz zum Gelddrucken. Aber, was viele übersehen:
Wer direkt von der Klinik in die Selbstständigkeit wechselt, wechselt nicht nur den Arbeitsplatz. Er wechselt vor allem aber auch die Rolle. Und zwar radikal.
Plötzlich wirst Du vom Arzt zum Unternehmer.
Was das wirklich bedeutet und wie Du mit höherer Sicherheit und besseren Erfolgschancen den Schritt in die Selbstständigkeit machst, erfährst Du in diesem Blogbeitrag.
Wenn man nach vielen Jahren Klinik das erste Mal über eine eigene Praxis nachdenkt, schwingt oft eine große Portion Frust mit:
- Über die Arbeitszeiten,
- über Hierarchien,
- über ständige Überlastung.
Und daraus entsteht schnell eine gefährliche Gleichung: „Ich mach mich selbstständig, dann wird alles besser.“
Das Problem dabei? Diese Rechnung geht nur selten auf. Denn was viele unterschätzen:
- Klinikstress ist anstrengend.
- Praxisverantwortung ist anspruchsvoll.
Und das sind zwei komplett unterschiedliche Paar Schuhe.
- In der Klinik bist Du Facharzt mit einem festen Aufgabenbereich.
- In der Praxis bist Du: Chef, Entscheider, Arbeitgeber, Strategieentwickler, Zahlenverantwortlicher, Finanzexperte, Marketingverantwortlicher, Prozessentwickler – und ab und zu auch noch Mediziner.
In rund 20 Jahren Praxisberatung musste ich leider immer wieder erleben, dass viele das völlig unterschätzen. Die wirtschaftliche Komplexität einer Praxis ist wider Erwarten hoch und der Steuerberater kann Dir dabei leider überhaupt nicht weiterhelfen. Das ist auch nicht sein Job. Er ist dafür zuständig, dass Deine Buchhaltung ordnungsgemäß geführt und Deine Steuererklärung entsprechend den gesetzlichen Vorgaben erstellt wird. Alles andere ist Dein Job.
Ich erlebe das wirklich oft:
Da will jemand direkt aus der Klinik gründen – voller Tatendrang, mit guten medizinischen Skills.
Was fehlt? Fast alles drumherum.
- Keine Strategie
- Kein Verständnis für Wirtschaftlichkeit
- Keine Idee, wie man ein Team führt
- Keine Vorstellung von der Bedeutung der Infrastruktur
- Kein realistischer Blick auf Investitionen und Rückflüsse
Und jetzt kommt der Punkt:
Das ist nicht schlimm. Aber es ist fahrlässig, wenn man’s nicht vorher klärt.
Denn eine eigene Praxis ist kein Upgrade zum bisherigen Arztleben. Es ist ein völlig neues Spielfeld mit neuen Spielregeln.
Und genau deshalb bieten wir bei MediKom ein spezielles Mentoring für Gründer und Übernehmer an. Mentoring heißt bei uns: 1:1-Begleitung – individuell, persönlich, konkret. Gemeinsam entwickeln wir Deine Roadmap zur eigenen Praxis. Falls Dich das interessiert, ruf mich einfach an oder schicke mir eine Mail.
Die Statistik ist leider eindeutig: Rund 30 % aller Praxisgründungen erreichen in den ersten fünf Jahren nicht die wirtschaftlichen Ziele, die sich die Gründer vorgenommen haben. Und nicht wenige landen dann bei uns in der Beratung mit der Frage: „Wie konnte das passieren?“
Die drei häufigsten Ursachen
1. Fehlender Businessplan mit Substanz
Viele Gründer machen eine Art Alibi-Businessplan, weil die Bank das will. Was fehlt, ist ein echtes strategisches Konzept:
- Für Patientenakquise
- Für den Aufbau des Teams
- Für die Entwicklung von Privatleistungen
- Für das eigene Einkommen in den ersten Jahren
2. Die Zahlen passen nicht – und keiner merkt’s rechtzeitig
Es wird kräftig investiert, aber keiner schaut hin, ob die Annahmen auch realistisch sind.
- Wie viele Patienten brauchst Du pro Woche, um Deine Kosten zu decken, wie viele um Deine wirtschaftlichen Ziele zu erreichen?
- Was passiert, wenn Du mal zwei Wochen krank bist?
- Und wie viel darfst Du eigentlich verdienen, bevor die Abrechnung ins Limit läuft?
Fragen wie diese sollten vor der Gründung beantwortet werden – nicht erst, wenn’s brennt.
3. Der Rollenwechsel wird unterschätzt
Ich sag’s nochmal: Vom Arzt zum Unternehmer – das ist ein echter Paradigmenwechsel. Und viele unterschätzen, wie viel Führungsstärke, Entscheidungssicherheit und betriebswirtschaftliches Denken auf einmal von ihnen verlangt wird. Wer das nicht einplant, fühlt sich in der eigenen Praxis plötzlich fremdgesteuert. Und das ist dann die Ironie des Ganzen: Man ist selbstständig, fühlt sich aber weniger frei als vorher.
Was solltest Du vor der Selbstständigkeit als Praxisinhaber beachten?
1. Hol Dir einen klaren Blick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Mach‘ eine realistische Analyse, rechne verschiedene Szenarien durch und klär ab, wo Deine Praxis in 12, 24 und 36 Monaten stehen muss, damit sich das Ganze lohnt. Dazu brauchst Du zwingend fachkundige Berater, die sich damit auskennen und Dich mit Ihrer Expertise unterstützen können.
Aber Vorsicht!
Ich rede nicht von all‘ den netten kostenlosen Beratungsangeboten der Finanzvermittler, Versicherungsverkäufer, Banken, Praxisausstatter und Praxisvermittler. Die sind nämlich alles andere als kostenlos, da Dir ja jeder dieser freundlichen Menschen am Ende sein Angebot zum höchstmöglichen Preis verkaufen will. Denn wie immer gilt auch hier: Je höher der Preis, desto höher die Provision. Und die zahlst Du. Wenn jeder dieser Pseudoberater nur 2-3% aus dem jeweiligen Geschäftsvolumen erhält, reden wir bei einer durchschnittlichen Gründung oder Übernahme von einem Gesamtvolumen von 30 – 40.000 Euro, die Du für die angeblich kostenlose Beratung bezahlst.
Da ist es sicherlich schlauer und deutlich billiger, Du bezahlst einem Unternehmensberater für die Gründungsbegleitung 10 – 15.000 € und der vertritt dann nicht nur Deine Interessen, sondern der haftet auch noch für das, was er tut.
2. Lerne, wie man betriebswirtschaftlich denkt und handelt.
Das heißt nicht, dass Du BWL studieren musst. Aber Du solltest wissen, was ein Fallwert ist, was der Honorarstundenumsatz ist und wie man ihn korrekt errechnet, und welche Hebel Du durch‘s Kennzahlenmanagement hast, um Dein Ergebnis zu verbessern.
3. Überleg Dir genau, ob Du den Schritt wirklich schon jetzt machen willst oder ob Du nicht erstmal in eine bestehende Struktur gehst.
Ein Zwischenschritt als angestellter Arzt in eine gut geführte Praxis zu gehen, kann eine wertvolle Vorbereitung auf die eigene Selbstständigkeit sein. Du durchlebst die Umstellung von der Klinik auf die ambulante Medizin unter Anleitung und ohne eigenes Risiko.
Ist es denn dann wirklich eine gute Idee, direkt von der Klinik in die eigene Praxis zu wechseln?
Kann sein. Muss aber nicht.
Wenn Du:
- klare Ziele hast,
- wirtschaftlich gut vorbereitet bist,
- bereit bist, Verantwortung nicht nur medizinisch, sondern auch unternehmerisch zu übernehmen –
…dann kann das genau der richtige Schritt für Dich sein.
Aber wenn Du glaubst, dass eine Praxis vor allem bedeutet, keine Nachtdienste mehr zu machen und mehr Geld zu verdienen,
dann solltest Du dringend nochmal in Dich gehen – oder besser noch: mit jemandem sprechen, der weiß, worauf es ankommt.
Denn am Ende geht’s nicht um den Titel „Praxisinhaber“, sondern um die Frage:
Wie willst Du leben und arbeiten in 5, in 10 und in 15 Jahren? Und ist eine eigene Praxis dafür der richtige Weg?
Wenn Du Dir jemanden wünschst, mit dem Du diese Fragen von allen Seiten beleuchten kannst – dann ruf mich gerne an oder schick mir eine E-Mail. Wir können dann einen Termin für ein unverbindliches und selbstverständlich kostenloses Erstgespräch ausmachen und dabei besprechen, wie wir dich am besten unterstützen können.
Dein Wolfgang Apel.

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