[78] – Nehmen Privat-Patienten den gesetzlich Versicherten wirklich Behandlungszeit weg?
Nehmen Privat-Patienten den gesetzlich Versicherten wirklich Behandlungszeit weg?
Lesezeit ca. 5min
Letzte Woche hatte ich ein spannendes Gespräch mit einer Kundin, die sich mit einer Gewissensfrage auseinandersetzte. Sie formulierte es sinngemäß so:
„Darf ich einerseits gesetzlich-versicherte Neupatienten ablehnen, andererseits aber privat-versicherte weiterhin aufnehmen?“
Eine kurze Frage, aber mit weitreichenden Implikationen. Denn sie betrifft:
- die rechtliche Situation,
- ethisch-moralische Überlegungen,
- wirtschaftliche Grundlagen und
- die sogenannte Drittwirkung – also die Reaktionen von Team und Patienten.
Wir nehmen das Thema in diesem Beitrag einmal ganz in Ruhe auseinander. Wie immer mit dem Ziel, belastbare Entscheidungen auf Basis von Fakten zu ermöglichen.
1. Rechtlich gesehen: Klare Vorgaben, klare Spielräume
Beginnen wir mit dem einfachsten und stichfestesten Aspekt: die rechtliche Situation.
Wenn Du einen vollen Kassensitz innehast, bist Du verpflichtet, mindestens 25 Stunden Sprechzeit pro Woche für GKV-Versicherte bereitzuhalten. Das ist Dein Versorgungsauftrag und an dem ist nichts zu rütteln.
Die Realität in den meisten Praxen sieht aber ohnehin anders aus: 35 Stunden Behandlungszeit pro Woche sind keine Seltenheit. Der durchschnittliche Privatpatientenanteil liegt bundesweit bei etwa 11 %. Selbst wenn Du diesen Patienten etwas mehr Zeit einräumst – sagen wir 50 % mehr pro Termin – sind das hochgerechnet knapp 6 Stunden pro Woche, die Du mit Privatpatienten verbringst.
Ergo: Du arbeitest weit über 25 Stunden mit gesetzlich Versicherten. Dein Versorgungsauftrag ist damit also deutlich erfüllt.
Erst wenn Du über 20 % Privatanteil (bei längeren Terminen) oder knapp 30 % (bei gleicher Dauer) kommst, könnte es eng werden. Doch seien wir ehrlich: Diese Zahlen erreichen die wenigsten von uns.
Fazit: Rechtlich ist die Aufnahme von Privatpatienten bei gleichzeitiger Ablehnung von GKV-Neupatienten völlig unproblematisch, solange Du Deinen Versorgungsauftrag erfüllst. Aber wie sieht das ganze moralisch aus?
2. Moralisch gesehen: Bevorzugung oder faire Aufteilung?
Nachdem die rechtlichen Grundlagen geklärt sind, kommen wir zur moralischen Situation. Laut der ethisch-moralischen Dimension wird oft behauptet, eine Bevorzugung von Privatpatienten sei „unfair“. Doch schauen wir genau hin:
Jeder Patient bekommt den nächstmöglichen Termin aus seinem Kontingent.
- GKV-Versicherte aus den 25+ Stunden Versorgungszeit.
- Privat-/Selbstzahler aus zusätzlichen, gesondert reservierten Zeiten.
Eine Bevorzugung findet nicht statt, sondern eine klare organisatorische Trennung, welche für den kommenden Punkt unausweichlich ist.
3. Wirtschaftlich betrachtet: Ohne Privatpatienten kein System
Der wohl häufigste Trugschluss in der Debatte ist: „Privatpatienten nehmen den GKV-Versicherten etwas weg.“
In Wahrheit ist es genau umgekehrt. Mark Barjenbruch, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, bringt es auf den Punkt:
„Ohne Privatpatienten würden auch die gesetzlich Versicherten schlechter behandelt werden.“
Warum? Weil die Honorierung durch die GKV gedeckelt ist. Viele Fachgruppen erhalten bis zu 20 % ihrer erbrachten Leistungen gar nicht vergütet.
Privatversicherte machen nur rund 10 % der Bevölkerung aus, tragen aber mehr als 23 % zum Umsatz niedergelassener Praxen bei.
Diese Einnahmen ermöglichen Investitionen, von denen letztendlich alle Patienten profitieren. Sowohl GKV-Versicherten als auch Privatversicherte.
Wirtschaftlich gesehen sind Privatpatienten kein Konkurrenzfaktor für gesetzlich-versicherte, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, damit die allgemeine Versorgung überhaupt auf dem heutigen Niveau funktionieren kann. Ein Fakt, der an all deine Stakeholder erstmal vermittelt werden muss.
4. Drittwirkung: Was denken Mitarbeiter und Patienten?
Jetzt zur Drittwirkung, der wohl sensibelsten Ebene.
Wie nehmen Mitarbeiter und Patienten die Situation wahr?
Die Antwort ist einfach: Es hängt von Deiner Kommunikation ab.
Der Frust bei vielen GKV-Patienten entsteht nicht durch tatsächliche Benachteiligung, sondern durch fehlende Transparenz.
Denn was sieht der Patient? Er wartet sechs Wochen auf einen Termin – während ein privat Versicherter scheinbar „bevorzugt“ behandelt wird.
Was der Patient nicht sieht: Dass Du feste Zeitblöcke für Privatsprechstunden in Deinem Kalender reservierst, jenseits Deines Versorgungsauftrags. Dieses „interne Einbestellwesen“ und dessen wirtschaftliche Notwendigkeit für das Bestehen deiner Praxis ist für Laien schlicht nicht nachvollziehbar.
Unsere Empfehlung: Mach Deine Terminstruktur sichtbar!
Weise auf Deiner Website klar aus:
- Wann Kassen-Sprechstunden stattfinden.
- Wann Privat- und Selbstzahlertermine angeboten werden.
Das reduziert Rückfragen, Missverständnisse und auch der skeptischste GKV-Patient versteht: „Ich werde nicht benachteiligt – ich bin Teil eines Systems, das gut organisiert ist.“
Dieses System musst du auch intern sauber deinen Mitarbeitern erklären. Wenn sie verstehen, dass es zwei getrennte Kontingente gibt und sie die Notwendigkeit dieser Struktur begreifen, dann entsteht kein Konflikt. Schlussendlich müssen sie (genau wie die Patienten) verstehen, dass es sich um zwei völlig getrennte Zeitkontingente handelt: Die 25+ Stunden Kassensprechstunde auf der einen Seite und die Privat- und Selbstzahlersprechstunde auf der anderen Seite. Das lässt sich übrigens auch wunderbar visualisieren, womit es den meisten Menschen einfacher fällt, derartige Zusammenhänge zu verstehen und zu verinnerlichen.
Fazit: Klare Spielregeln, klare Kommunikation – dann klappt’s auch mit dem Gewissen
Wenn Du…
- Deinen Versorgungsauftrag erfüllst,
- saubere Terminstrukturen hast,
- transparent kommunizierst
- und wirtschaftlich realistisch rechnest,
…dann kannst Du guten Gewissens GKV-Neupatienten ablehnen, ohne Dir moralische oder rechtliche Sorgen zu machen.
Wichtig ist nur: Du musst intern überzeugt sein und dieses Vertrauen auf dein Team übertragen, um anschließend zusammen mit Deinem Team auch deine Patienten von diesem System zu überzeugen. Denn nur wer selbst im Reinen mit der Entscheidung bezüglich seines Patientenmanagements ist, kann diese auch stringent vertreten und kommunizieren.
Wenn Du möchtest, dass wir Dich dabei unterstützen – mit einer strukturierten Sprechstundenanalyse oder einem durchdachten Kommunikationskonzept – dann melde Dich gerne bei mir unter w.apel@medikom.org und vereinbare ein unverbindliches kostenfreies Erstgespräch mit mir.
Bleib dran, bleib transparent – und gestalte Deine Praxis nach Deinen Regeln.
Dein Wolfgang Apel
PS: In eigener Sache:
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